Aktuelles | Tal- und Sagenmuseum Lauterbrunnen

Museumportrait

Veranstaltungen 2026

Samstag, 15. August 17.00h in der Mili / CHF20.-, Kinder bis 16 Jahre gratis
„Die Mächtigen vom Schwarzmönch“ / Einblicke in Themen der Sonderausstellung
Vortrag und Bilder von Christian Siegentaler aus Gsteigwiler zum Thema „Alle Steinböcke der Erde“, Video mit Bildern der Steinbockkolonien im Lauterbrunnental von Albin Kehrli
Apéro mit Museumswein und „eppis z’bissen“

Freitag, 02. Oktober 19.30h in der Mili / Eintritt frei
„Weischt no ?“ / Mier prichten zämen vo friejer
Andrea Eschler lädt ein zu einer angeregten Mundartrunde und Christian Abbühl macht Musik
Bei Museumswein und „eppis z’bissen

Samstag, 03. Oktober 09.00h / CHF 30.-
Themenwanderung: „Die Alp ist voller Geister“
Geschichten und Sagen auf der Route: GrütschalpWinteregg Mittelberg – Mürren mit Joseph Guntern

Samstag, 17. Oktober
Veranstaltung im Kino Wengen: „isi Sprach un isi Musig“
Details folgen !

Freitag, 23. Oktober 19.00h in der Mili / CHF 20.-
Sagenabend: „von Feen, Hexen und wilden Weibern“
Andreas Sommer aus dem Üechtland erzählt wundersame Geschichten
Apéro mit Museumswein und „eppis z’bissen“

Freitag / Samstag, 13. / 14. November
Sagen-, Brauchtum-, Landschaftsfestival „Der Magische Berg“
Erzählungen, Musik, Vortrag und Exkursion zur lokalen Landschaftsmythologie
Infos über www.dermagischeberg.ch

Bulletin

Die Bulletins waren bis und mit 2023 jeweils in lockerer Form, sporadisch hier erschienen. Zukünftig ist es unser Plan vier Bulletins pro Jahr zu publizieren. Jeweils im März, der ausführliche Jahresbericht des Kurators, im Juni und im September Berichte zu thematischen oder organisatorischen Schwerpunkten, und im Dezember ein kurzer Rückblick auf die abgeschlossene Museumssaison.

Nächste Bulletins

Oktober 2026, zum Thema „Kulturarbeit in unserem Tal, ein Projekt das verbindet“

Dezember 2026, Rückblick auf die Museumssaison 2026

März 2027, Jahresbericht 2026 des Kurators

Juni 2027, zum Thema „Die Pflege unseres Dialekts“

Juli 2026

Was ist ein Sagenmuseum ?

Es sind jetzt schon sieben Jahre her, seit wir uns auf die Fahne geschrieben haben, neben einem gängigen Heimatmuseum, in welchem die Geschichte und das Brauchtum unserer Talschaft gezeigt und erforscht wird, auch die umfassende Thematik der Sagenwelt zu ergründen. Viele Fragen standen damals offen, ob wir das schaffen werden, ob wir die notwendigen Kompetenzen zusammenbringen können und ob es für unser Publikum auch zu einem weiteren, attraktiven Angebot führen wird. Denn eines war für uns von Anfang an klar, wenn wir uns in dieses neue Projekt hineinwagen, dann solle es überzeugend in der Materie und sinnreich in seiner Präsentation gemacht werden (keine Bastlerei !). Mit Martin Niedermann, dem begnadeten, professionellen Sagenerzähler und Mitbegründer der Marionettenbühne Wengen machten wir uns auf den Weg. Inspiriert wurden wir auch von den erfahrenen Kolleginnen des Museums Obwalden in Sarnen, die während den Jahren 2017 und 2018 Elemente aus dem teilweise bis heute lebendigen Volksglauben von ennet dem Brünig thematisiert und in Ausstellungen sichtbar gemacht hatten. Sie gewährten uns grosszügig Einblick in ihre Arbeit. Dies hat uns bei der Erarbeitung unseres Sagenwelt-Konzepts sehr geholfen. Und bis heute dürfen wir mit ihnen in weiteren gemeinsamen Aktionen zusammenarbeiten.

Vielleicht etwas kühn haben wir uns schon früh als «erstes Sagenmuseum der Schweiz» angekündigt. Wir wollten damit einfach unsere Entschlossenheit zum Ausdruck bringen, dass wir das neue Vorhaben wahrhaft und stetig angehen werden. Schon bald haben wir auch den Namen unseres Museums entsprechend erweitert, das «Tal & Sagen Museum» weckt durchaus Interesse und Neugier auf das, was wir wohl zukünftig bieten werden. Viele Kontakte entstanden in diesem Umfeld in der Region und zu Akteuren in der ganzen Schweiz, die in der zauberischen Sagenwelt unterwegs sind. Schnell habe sich für uns da Türen geöffnet zum dazulernen, erforschen und dann entwickeln von eigenen Projekten in einem breiten Feld von Möglichkeiten, die wir selbst kaum für möglich gehalten haben.

Es darf durchaus als naheliegend betrachtet werden, dass wir die Welt der Mythen und Sagen in unserem Museum in Szene setzen wollen. Unsere alte «Mili» ist ein Haus mit viel Geschichte und Geschichten und man kann gewiss annehmen, dass in diesem ehrwürdigen Gebäude das eine oder andere «Bozi» (Geistergestalt) haust; sei es um uns manchmal etwas zu necken, oder sei es um uns gar zu beschützen. Das Ambiente für ein Sagenmuseum ist gegeben.
Zudem kann das Lauterbrunnental eine breite Palette von Erzählungen aus einer tiefgründigen Sagenwelt anbieten. Die mächtige Berg- und Wasserwelt hat die Talbevölkerung stets stark beeindruckt; man lebt nahe an dieser gewaltigen Natur, in enger Verbundenheit mit ihren Kräften und ihren Erscheinungen. Die Abgelegenheit des Bergtals hat nicht verhindert, dass Siedler aus verschiedenen Kulturräumen, zuerst Alemannen mit ihrer nordisch geprägten Mythologie und später, Walser aus dem Lötschental mit ihrem natur-religiösen Brauchtum, einen vielschichtigen Volksglauben entstehen liessen.

Hans Michel (1888 – 1957), war von 1913 bis 1920 als Sekundarlehrer in Lauterbrunnen tätig. Während dieser Zeit hat er mehr als hundert Sagengeschichten in den Dörfern und Weilern zusammengetragen und eine Auswahl davon in seinem «Sagen-Chratten» 1936 erstmals veröffentlicht. Er hat sich die wundersamen Geschichten bei manchen Abendsitzen am Stubentisch, auf dem Ofenbank oder in der Alphütte vortragen lassen. Zusätzlich konnte er sich jedoch auch in der damals bereits verfügbaren Fachliteratur kundig machen. Unsere Talschaft wird darin direkt erwähnt, etwa im Standardwerk von C. Kohlrusch «Schweizerisches Sagenbuch» (1854), oder bei H. Hartmann «Berner Oberland in Sage und Geschichte» (1910).

Sagen kann man in einem Museum nicht einfach ausstellen. Es gibt zwar Utensilien und allerlei Kniffe, welche die Menschen im Umgang mit der Anderswelt bis heute anwenden. Da kann man durchaus auch einmal etwas Gegenständliches zeigen.
In einigen Räumen der «Mili» haben wir Sagenbretter angebracht. Da wird erklärt, was Sagen eigentlich sind und wie sie entstanden sind:
Sagen sind Geschichten zu Ereignissen, die sich an wohlbekannten Stätten und Örtlichkeiten ereignet haben sollen, und die, auch wenn sie als seltsam oder gar unverständlich erscheinen, für wahr gehalten werden. Sagen geben Auskunft zu der Zeit in der sie entstanden sind; sie haben oft einen historischen Kern und sie können sich auf Personen beziehen, die in der Gegend gelebt und gewirkt haben; dies gibt der Erzählung einen vertrauensbildenden und heimeligen Rahmen. Sagen charakterisieren und erklären das Vorkommen von geheimnisvollen und übernatürlichen Ereignissen oder Wesen in unserem Umfeld. Sie vermitteln aber auch Wissen über die Natur und wichtige Praktiken im täglichen Leben. Viele Sagen beinhalten einen erzieherischen oder gar moralisierenden Ansatz; mit Gleichnissen oder durch Androhung von verschiedenartigen Strafen, werden die Menschen zu korrektem Benehmen angehalten. Sagen umfassen demnach die grosse Fülle des Volksglaubens und Volkswissens in einer Region.
Mit einigen Objekten, versuchen wir bei den Sagenbrettern auch zu zeigen, wie sich die Talbewohner konkret mit der Anderswelt auseinandersetzten, mit ihr in Verbindung traten und sich auch gegen unheilvolle Ereignisse schützten:
Gesegnete Texte an der Stubenwand gegen arglistige Hausgeister, ein Kuhhorn am Rahmen der Stalltüre beschützt die Tiere vor nächtlichen Dämonen, Kuhglocken mit ihrem metallischen Klang halten böse Berggeister fern vom Vieh, mit sorgfältig gewählten Pflanzen heilt man Pein an Körper und Seele, durch eine Hexenbrille (einem selbst gefertigten Astloch) kann man intrigante Magierleute erkennen, und mit dem Toggelispiegel verscheucht man den kleinen Plaggeist, der uns in der Nacht beim Schlaf stört; um nur einige wenige zu nennen.
Mit den Sagentafeln wollen wir interessierte Museumsgäste zum Nachdenken aber auch zum Erkennen von eigenen Erfahrungen mit geheimnisvollen Phänomenen anregen. Vielleicht trifft man auch auf eine bekannte Figur aus Erzählungen, die uns in Kindertagen beeindruckt haben; z.B. wenn es um die hilfsbereiten Zwerglein in Haus und Hof geht.

Sagen muss man jedoch in erster Linie erzählen. Sagen sind mündlich überlieferte Erzählungen über sonderbare Begebenheiten, die schon seit der Antike von allen Völkern über die Generationen hinweg weitergegeben wurden. Sagen entstehen und überdauern vom «Sagen»; vom «Brichten» durch begabte Erzählerinnen und Erzähler, die es verstehen eine Geschichte glaubhaft zu vermitteln, die fähig sind, Tiefen- und Unschärfen der Überlieferung zu erkennen, und die den Freiraum zum Ausschmücken der Erzählung respektvoll nutzen. So haben sich auch die Lauterbrunner Sagen im Laufe der Zeit, durch Erzählgemeinschaften beim Abendsitz in der Nachbarschaft oder in der Alphütte, stets weiterentwickelt. Sagen sind auch Wandergut; durch Wanderknechte und -handwerker, durch Säumer und Händler wurden sie weiter angereichert.
Dieser Tradition sind wir bei uns, am «Sagenmuseum» besonders verpflichtet. Regelmässig organisieren wir Erzählanlässe in der «Mili», oft gegen den Herbst, wenn die flache Sonne durch die Nebelschwaden scheint, und so gegen Abend in unserem alten Haus eine besonders mystische Stimmung erzeugt. Erzählerinnen und Erzähler treten dann auf und vermitteln die ehrwürdigen Geschichten unserer und ihrer Ahnen; jede und jeder auf seine Art. Wichtig ist es für uns, dass wir neben den Lauterbrunner Sagen auch Mythen aus anderen Gegenden präsentieren können. Da kommt es manchmal zu überraschenden Erkenntnissen zur Wahrnehmung von teilweise bekannten Phänomenen in unterschiedlichen Kulturkreisen.

Schöne Momente sind auch jene, wenn jemand während eines Besuches bei uns spontan selbst eine Geschichte erzählt; so wie es eben sein soll; so wird das Sagengut erhalten und immer weiter entfaltet.

Spannend wird es, wenn man sich dann jeweils Fragen nach dem Ursprung der Erzählung und den darin angedeuteten Motiven stellt. Jede Sage hat ihren Ursprung, irgendwo in den Tiefen unserer Vergangenheit. Meistens kann man nicht wissen, wann sie entstanden ist. Sie ist auch wandelbar und sie widerspiegelt Veränderungen über Epochen. Manchmal ist sie vergänglich, dann entrinnt sie aus unserer Gewissheit, bis zum Tag, an dem jemand erneut ihrem Zauber erliegt, und ihr in unserer Zeit ihre Bestimmung zurückgibt. Die sonderbaren Geschichten können selten wirklich belegt werden. Trotzdem fordern sie uns heraus, nach Gründen und Erkenntnissen zu forschen, welche Aussagen in ihnen stecken. Da taucht man ein in eine Welt von unzähligen Entstehungsmotiven, und man stellt schnell fest, dass man sich damit abfinden muss, im Raum zwischen Wahrhaftigem und Mächtigem zu schweben.
In unserer Talschaft steht die mächtige Natur natürlich immer wieder im Vordergrund. Man wollte sich ihre Urkräfte erklären, und dann auch, wie diese uns Menschen prägen. Sicher kann man versuchen die Geschichten nach bekannten Typologien einzuteilen und zu ergründen; zum Beispiel:
Historische Sagen, die Auskunft zu wirklich stattgefunden Ereignissen geben. Da jedoch oft vieles im Dunkeln bleibt, hat man sich mit Vermutungen weitergeholfen.
Dämonische Sagen führen uns in die verzweigten Winkel von Aberglauben, Glauben und letztendlich Volksglauben, in denen Wiedergänger (arme Seelen) und bedrohliche Naturgeister ihr Unwesen treiben.
Im Gegensatz dazu gibt es jedoch (zum Glück) auch die guten «Bozeni», beschützende Hausgeister etwa oder Elementarwesen, die uns im Stall oder auf der Alp zur Seite stehen, oder die sich zum Schutz der Natur einsetzen lassen.
Erzieherische Sagen, die als Hilfsmittel zur Führung eines guten Lebenswandels dienten, oft entstanden aus gängigen religiösen und moralischen Motiven zu ihrer Zeit, verbunden mit Androhung von Strafen und weniger mit Hinweisen zur Linderung von seelischer Not.
Sagen, die Wissen vermitteln; etwa über die Anwendung von Heilpflanzen in der Volksmedizin oder beim Schutz von Haus und Hof. Da war dann auch der Schritt hin zu jenen Leuten nicht mehr weit, die mehr wussten und konnten als die Normalsterblichen (Hellseher, Hexen und Magier).
Die Liste liesse sich beliebig erweitern.

Neben bekannten Sagen sammeln wir auch Sagen, die bisher noch nie publiziert wurden. Es ist erstaunlich, wieviel Volkswissen noch zu entdecken ist. Nicht nur zur Erforschung, einfach auch mal darum, um Freude daran zu empfinden.

Viele Mythen in unserer Talschaft lassen sich geographisch, an Orte ihres Geschehens zuordnen. So erscheint die weisse Frau beim Mattenbach im Stechelberg und das Jääggi geht im Finel oberhalb von Gimmelwald um, um nur zwei solcher Erscheinungen zu nennen. Auf geführten, gemütlichen Wanderungen besuchen wir mit achtsamen Sagenfreunden geheimnisvolle Plätze und erzählen die entsprechenden Geschichten an Ort und Stelle. Vermittelt wird gleichzeitig auch Wissen zur Talgeschichte, die ja oft mit unserer Sagenwelt eng verbunden ist. Diese Thematik fällt zunehmend auf Interesse bei Jung und Alt. Sie fordert uns heraus zu den Fragen woher wir kommen und wohin wir wohl einst gehen.

So sind wir im Talmuseum Lauterbrunnen eben in etwas hineingewachsen, unter welchem wir uns auch als Sagenmuseum verstehen; mindestens aus unserer Sicht. Wir werden weiterhin die schönen und fantastischen Geschichten sammeln, interpretieren, vor allem aber immer weitererzählen. Je mehr man in die Sagenwelt eintaucht, desto mehr erliegt man ihrem Zauber. Es ist als ob Träume zuweilen fassbar werden; sie können sich jedoch auch immer wieder verflüchtigen; die Spannung in unseren Sinnen aber bleibt. Mythen erfüllen in jeder Epoche eine andere Rolle. In der heutigen Zeit sind sie en Vogue. Wir betrachten es als unsere Aufgabe, Sorge zu tragen zu unserem Sagengut; denn es ist auch Teil unserer über Jahrhunderte gewachsene Kultur, und die hat ja gewiss ihren festen Platz in der alten «Mili».